Gründet Kostnixläden! (Elmar Flatschart, W.E.G.)

Was Schenke(n) mit Gesellschaftskritik zu tun hat und warum das immer noch sehr aktuell ist

Das Konzept der „Umsonstläden“ ist recht einfach und vielleicht gerade deshalb in der undogmatischen Linken schon seit einiger Zeit in Mode. Es geht schlicht darum, den üblichen Weg der Zirkulation von Waren qua Geld durch eine tauschfreie Vermittlung von Dingen zu untergraben. In der Praxis sieht das Ganze meist aus wie ein Flohmarkt, bei dem eine beschränkte Zahl an Dingen mitgenommen werden kann und eine unbegrenzte abgeladen – aber eben nicht bezahlt wird. Überwiegend werden diese Läden von Menschen mit linken/emanzipatorischen Grundverständnis betrieben.  Was steckt aber dahinter bzw. warum nimmt linke Praxis heute gerade diese Form an?

Theoretische Basis?

Es gibt wohl zahlreiche Beweggründe, aber ein nicht unwichtiger ist das gesellschaftstheoretische Paradigma der „Wertkritik“ – bzw. was dafür gehalten wird. Fakt ist, dass eine Art wertkritische Reformation nicht nur in (neo-)marxistischen Theoriegefilden, sondern in großen Teilen der Linken für ordentliches Aufsehen gesorgt hat. Wesentlich ging es dabei um einen Angriff auf gesellschaftskritische Vorstellungen, die bloß auf die Verteilung von Reichtum (qua Klasse) abzielten und in Folge den Kapitalismus v.a. aufgrund der ungerechten Verteilung des Mehr-Werts abschaffen wollten. Die weitaus philosophischere – und radikalere – Frage nach der Wertproduktion überhaupt, einem mit ihr einhergehenden „Fetischismus der Ware“, wurde davor kaum oder nur ungenügend gestellt. Auch für viele AktivistInnen wurde dadurch klar, dass irgendwie auch schon Tausch und Wert „böse“ sind. Die recht unmittelbare Umsetzung dieses Problembewusstseins war ein Raum, der diese Prinzipien außer Kraft setzen sollte, in dem Ware und Tausch aufhören sollten zu existieren. Dass dies so nicht funktionieren kann, wussten nicht nur bereits die theoretischen Vorväter/Mütter, es erwies sich auch in der Praxis: Nichts verdeutlicht die „mystische“ Qualität der Ware, immer schon Wert ins Ding zu bringen, deutlicher als ein gerade noch „ideell entwerteter“ Gegenstand der um die nächste Ecke am „wirklichen“ Flohmarkt verhökert wurde. (Von der Schwierigkeit, ein „geldloses“ Projekt betreiben zu wollen und dafür meist einiges an Geld für Mieten u.ä. zu brauchen, sei erst gar nicht gesprochen…)

Sinnvolle Praxis!

Nichts desto trotz lebt das Konzept der Umsonstläden weiter. Denn die praktische Auseinandersetzung mit (wenn auch nicht die Überwindung von) einem Kern der warenproduzierenden Gesellschaft – der Zirkulation – eröffnet Perspektiven, die über den allzu unmittelbaren Grundgedanken hinausgehen. Einerseits sind da natürlich die direkten materiellen Effekte der Bedarfsdeckung: Es tut der Linken ganz gut wieder in direkte Berührung mit „der Armut“ und möglichen kollektiven Bewältigungsstrategien zu kommen. Vor allem aber kommt es unter dem Deckmantel der neutralen Allgemeinheit des dinglichen Austausches auch zu direktem Austausch zwischen jenen, die sich vermehrt in „Subkulturen“ und „Szenen“ bewegen und denen, die zur „Normalbevölkerung“ zu zählen sind. Der Transport von Inhalten – sei es auch bloß passiv und unbewusst – ist dabei quasi nebenher möglich. Das zentrale Vermittlungsproblem postmoderner Emanzipationsbewegungen wird so in einer gelebten Praxis, für die das Schild „Kost-Nix“ Aufhänger ist, überwunden. Es handelt sich also um eine anti-politische Alternative zur heute kaum noch funktionierenden abstrakt-repräsentativen Politikform: Entgegen der allgemeinen Vorstellung von Politik werden Aussagen nicht als solche, losgelöst von konkreten Verhältnissen präsentiert, sondern in einer widersprüchlichen Praxis ausagiert.