Wettbewerb "Utopie Freiheit" 2005: Projekt "Mobiler Kostnix-Laden"

Unser Projektbeitrag kam in die End-Runde der besten 20 Projekte.

>> http://www.utopie-freiheit.at/teilnahme/#C3118_A3122

 


Der eingereichte Text:

Mobiler KOST-NIX-LADEN

Wien, ein X beliebiger Tag, an einer X beliebigen Einkaufsstraße. Grell leuchtende Reklameschilder, schrille Musikfetzen aus Kaufhäusern, lauter Autolärm, Betonschluchten, verkümmerte Bäume am Straßenrand. Viel Verkehr, Pkws, besetzt mit höchstens ein bis zwei Fahrgästen, überfüllte Linienbusse, vereinzelte RadfahrerInnen die im Verkehrschaos verschwinden.

Die Menschen haben es eilig. Jede muss irgendwohin. Schnell. Schwere Taschen, Kinderwägen, Rücksäcke. Menschenmassen. Es wird gerempelt, geschimpft. Die Stimmung ist nicht gut – wie auch? Die Einkaufsstraße lässt nicht viel Raum zum Leben. Es muss verkauft werden, man muss bezahlen und weiter hetzen. Für zwischenmenschliche Interaktion die über den Austausch von Waren und Geld hinausgeht ist hier kein Platz.

Und dann plötzlich dieser Bus: schön ist er, auffallend. Nicht so funktional wie alles rundherum. Farbig bemalt, vielleicht lila und gelb, vielleicht schwarz-rot oder mit verspielten Bildern und Mustern . Er fährt die Straße hinauf, bleibt stehen. Menschen steigen aus, sie stellen Tische auf den Gehweg, überdacht mit Zelten wenn es regnet. Die Tische werden mit Dingen übersäht – Lampenschirme, Gummistiefel, Kochbücher, Kassettenrekorder, Kinderspielzeug, Ölgemälde, Hundeleinen, Zeitungsständer, Teflonpfannen, Strickjacken, Knoblauchschäler, Porzellan mit Blümchenmuster. Und alles darf man sich nehmen, einfach so. Der Bus als Riss in der Realität, ein Bruch mit Kaufzwang, absoluter Anonymität und Eiligkeit. Eine Oase der Langsamkeit im schnellen Wirbel der Straße.

Die Menschen die mit dem Bus gekommen sind haben Zeit, Zeit zum Reden, zum Zuhören, zum Diskutieren und Nachfragen. Hier ist ein Ort der Kommunikation, ein Ort des Miteinanders und nicht des Nebeneinanders. Hier kann nicht mehr nur konsumiert werden , hier geht es um Mitgestaltung. Das Bunte im Neonfarbenen irritiert.

"Was machen die denn da?" fragen sich die PassantInnen. "Ist das wirklich alles gratis? Wie ist das möglich? Sind die verrückt?". Und genau diese Millisekunde, genau dieser Moment der Irritation ist das eigentliche Kunstwerk. Der geistige Bruch mit der Normalität der hier stattfinden kann ist das wirkliche Ziel. Der Bus bietet nur die räumliche Hülle für das Kunstwerk menschlicher Interaktion. Einem mobilen Garten gleich schlagen die Ideen des Busses Wurzeln in den Köpfen der Menschen. Geht es nicht wirklich auch anders?

Politisches Manifest

Räume in unserer Gesellschaft funktionieren nach verschiedenen Regeln, wir können uns nicht frei darin bewegen sondern unsere Handlungen sind durch viele verschiedene Regeln und Umstände vorstrukturiert. Der Bus ist ein Experiment, mit dem Ziel diese Vorstrukturierungen zu durchbrechen und befreitere Interaktion zu ermöglichen. Hier wird nicht nur kapitalistischem Verwertungszwang sondern auch viele andere herrschenden Normen unserer Gesellschaft subvertiert.

Freiheit bleibt hier kein leeres Wort, sondern drückt sich konkret in dem Versuch aus Lebenswelten mit- und umzugestalten. Durch Eroberung des öffentlichen Raums bleibt die Straße nicht nur Durchzugsraum sondern kann tatsächlich genützt und somit - im wahrsten Sinn des Wortes - belebt werden. Der Bus taucht auf, wirkt und zieht weiter. Mobilität wirkt Verhärtung entgegen. Ein ständiges Rinnsal des Widerspruchs gegen verkrustete und sich immer mehr verhärtende Lebensbedingungen.

Das kapitalistische Gesellschaftssystem orientiert sich nicht an Menschen und ihren Bedürfnissen sondern an der Schaffung abstrakter (Geld-)Werte. Dabei reist es menschliche Zusammenhänge auseinander und beschränkt den Menschen auf die Rolle des/der KonkurrentIn. So kommt es, dass wir trotz des unglaublichen technologischen Entwicklungsstandes, der allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen könnte, täglich einen existenzbedrohenden Überlebenskampf führen müssen. Der oft gepriesene freier Markt ist in Wirklichkeit nur so frei wie der freie Fall. Der Zwang alles und alle zu verwerten ist total.

Eine Überwindung der herrschenden Verhältnissen ist dringend notwendig. Nicht nur weil die verzweifelten Versuche der Selbstverwertung für immer mehr Menschen scheitern und in Armut und Ausgrenzung enden, sondern weil auch jene die scheinbar Erfolg haben, sich ihr gesamtes Leben lang einer irrationalen Verwertungsmaschine unterwerfen müssen. Zu glauben die Welt von einem Tag auf den anderen durch eine dogmatisches Konzept ersetzen zu können, ist ein furchtbarer Fehler. Gesellschaftlicher Transformationsprozess braucht Versuch, Selbstkritik und Irrtum.

Dem Vorwurf dass bei künstlerischer Darstellung, politischer Betätigung und Theoretisierung der Bezug zur realen Praxis vergessen wird, wirkt ein mobilen Kost-Nix-Laden konkret entgegen. Dort können nützliche Dinge, die jemand nicht mehr braucht, vorbeigebracht und andere Sachen ohne Gegenleistung abgeholt werden. Der Bus kann dabei in die symbolischen Knotenpunkte kapitalistischer Ökonomie vordringen: Landstrasser Hauptstraße, Mariahilferstraße, Meidlingerhauptsträße, Shopping City etc.

Da davon auszugehen ist das AnrainerInnen und PassantInnen anfangs in den gewohnt Denkmustern verbleiben und einen Kost-Nix-Laden daher anfangs lediglich als Schnäppchen betrachten können, gibt es die 3-Teile-Regel (pro Tag und Person nur drei Gegenstände) Durch Ankündigung mit Flyern im Vorfeld und kontinuierliche Wiederkehr an die Orte kann die Phase der Irritation überwunden werden und die aktive Mitgestaltung erreicht werden.

Ein freier Fluss von nehmen und geben wird die warenförmige Vergesellschaftung durch Tausch und Wert ersetzen. So setzt er bei den Strukturprinzipien des Kapitalismus an und versucht nicht nur Symptome zu lindern.

Ein einzelnes Projekt wie der Kost-Nix-Laden scheint kein Potential in sich zutragen die Totalität der kapitalistische Vergesellschaftung und ihre integrativ wirkenden Zwänge ernsthaft zu gefährden. Die Stärke des KNL liegt in der Propaganda der Tat, die eine mögliche gesellschaftliche Alternative nahe legt. Die Utopie ist dabei kein dogmatisches Programm. Es ist ein Angebot das gelernte zu verlernen und neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Durch die Etablierung und das Wachstum globaler selbstorganisierter Netzwerke der solidarischen Kooperation könnte der gordische Knoten (Kapitalismus) langsam entwirrt werden. Das Ziel dieses Transformationsprozess ist eine Welt in der viele Welten möglich sind und alle nach ihren Fähigkeiten und Wünschen produzieren und nach ihren Bedürfnissen konsumieren können.

Die Ablauf des KNL wird in den unterschiedlichen Kontexten sowohl fotografisch als auch durch Interviews dokumentiert werden.