Geldlose Gesellschaft im Kleinen (Karin Krichmayr / DER STANDARD)

Geben und Nehmen statt Kaufen und Verkaufen: Das ist das Motto des Wiener Kost Nix Ladens. Hier trifft sich nicht nur die Nachbarschaft, hier wird auch die Utopie einer geldlosen Gesellschaft geprobt. Mit Erfolg, sagen die Betreiber.

"Tee, Kaffee?", fragt Cati, die geschäftige Dame hinter der Budel, um sich gleich wieder den Kisten und Säcken mit Büchern, Kleidung und einem ganzen Jahrgang einer Drachenflieger-Zeitschrift zuzuwenden, die ein Pärchen gerade in der Mitte des Kost Nix Ladens abgeladen hat.

In den zwei engen Räumen in der Zentagasse in Wien-Margareten drängt sich eine Handvoll Leute jeden Alters zwischen Kleiderstangen, Schachteln und Regalen mit Hausrat, Videos, Kassetten, CDs und allerlei Krimskrams auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Eine Kasse gibt es nicht, bloß eine Spendenbox, in der es hin und wieder klimpert. "Die Idee ist, dass jeder die Dinge mitnehmen kann, die er selbst braucht, und Leute ihre Sachen abgeben können, die ihnen nur Platz wegnehmen", erklärt Andreas und dreht sich auf der Couch im Eck eine Zigarette. Der 23-jährige Student versucht, jeden Montag hier seinen "Dienst" zu versehen - umsonst natürlich.

Im Gegensatz zum Gratis Bazar im Meidlinger Gemeindebau Am Schöpfwerk, der ähnlich funktioniert, legen die Betreiber des Kost Nix Ladens Wert auf einen anarchistischen Ansatz: "Hier funktioniert die Utopie einer geldlosen Gesellschaft", meint Georg vom Verein zur Erweiterung des künstlerischen und kulturellen Spektrums (VEKKS), der die Räumlichkeiten in einer ehemaligen Werkstatt zur Verfügung gestellt hat. "Irgendwo muss man anfangen", pflichtet Andreas bei. "Auf Demos gehen ist eine schöne Sache, aber es bringt nichts."

Cati McCassey, die "Queen of Kost Nix", wie sie genannt wird, sieht das pragmatischer: "Ich möchte, dass hier in der Gegend was passiert." Seit eineinhalb Jahren ist die gebürtige Australierin, die seit 1993 arbeitslos ist, im Laden engagiert - und immer für einen Plausch mit den Stammkunden da. "Man trifft so viele interessante Leute, hört viele Geschichten."

So wie jene von Frau Brigitte, einer Pensionistin, die regelmäßig vorbeikommt, um Spielsachen für ihre Enkel zu holen oder sich Lesestoff zu besorgen. "Gerade Bücher sind schon so teuer", klagt sie. "Die Bücher von hier lese ich und stelle sie wieder zurück." Das "gute Niveau der Bücher" und die "nette Stimmung" schätzt auch der Mann mit Hemd und Brillen, der auf dem Weg von der Arbeit nach Hause auf eine Sprung vorbeigeschaut hat und gleich ein paar Shirts dagelassen hat.

"Die Zahl der Stammkunden steigt an", sagt Andreas. Er ist überzeugt, dass das Konzept der Umsonst-Läden, das etwa in Deutschland weit verbreitet ist, für viele Menschen mit geringem Einkommen eine Alternative zu diversen Sozialeinrichtungen darstellt.

Der Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken und das kapitalistische Prinzip des Arbeitens und Konsumierens zu untergraben ist auch Ziel der Kost Nix Läden in Innsbruck und Graz, die im vergangenen Mai beziehungsweise Juli eröffnet wurden. Bei der Wiener Initiative, die seit 2005 besteht, sind derzeit rund20 Leute aktiv. Für einen Ausbau zu einem richtigen Nachbarschaftszentrum samt Möbellager fehlt dann doch das, was man hier zu vermeiden sucht: das Geld.

(Karin Krichmayr/DER STANDARD; Printausgabe, 25./26.8.2007)


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