Faulheit hart erarbeiten (Arno Uhl, W.E.G.)

Über die Entwicklung der österreichischen Kost-Nix-Läden

Am Anfang, im Mai 2005, wurden ein paar Ziegelsteine übereinander gestapelt und ein paar recycelte Bretter dienten als erste Regale im Eck des nicht einmal 20 Quadratmeter großen Vorraums des Kulturvereins V.E.K.K.S. Der Holzboden der ehemaligen Werkzeugfabrik war schwarz von Dreck und Öl und die zentimeterdicken Ritzen im Boden waren mit Zigarettenstummeln gefüllt. Doch seit der Geburtsstunde des Kost-Nix-Ladens hat sich das Bild schön langsam geändert. Hübsche Regale haben ihren Weg in den Laden gefunden. Durch Entrümpelungen wurde ein zweiter Raum erschlossen. Die Fassade wurde bunt bemalt und vieles mehr ist geschehen. Trotzdem schrieb der Kurier im Jänner 2006 noch "Kost-nix heißt der Laden. Und doch kostet er was: einige Überwindung, um ihn zu betreten." Und dieser Eindruck entsprach mit ziemlicher Sicherheit auch dem persönlichen Empfinden der meisten. Selbst die BetreiberInnen waren unzufrieden: "In dem Zustand, in dem sich der Laden befand, ist selbst der größte Putzrausch wirkungslos geblieben." Deshalb wurde nach all den langsamen Verbesserungen eine "längst überfällige" Generalrenovierung gestartet. Drei Monate lang wurde täglich rund acht Stunden gewerkelt und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Laden gleicht nun einer schicken Boutique. Seit dem bleiben auch viel mehr Leute mal auf einen Kaffee oder zum Plaudern im Laden sitzen. Für die LadenbetreiberInnen ist das mehr als erfreulich, schließlich geht es ihnen um wesentlich mehr als nur darum, Menschen kostenlos mit Konsumgütern zu versorgen. Einerseits soll sich der Laden zu so etwas wie einem Nachbarschaftszentrum entwickeln, wo die Menschen aus dem Grätzel entgegen der vorherrschenden Vereinzelung und Isolierung wieder zusammenkommen, Kontakte knüpfen und sich im Idealfall gemeinsam organisieren. Andererseits wollen sie langfristig auf Grundlage radikaler Gesellschaftskritik solidarökonomische Projekte und Netzwerke aufbauen, die ohne Geld und ohne Tausch funktionieren. (Siehe auch Augustin Nr. 170)

Reale oder imaginäre Sachzwänge?

Viele Zeitungen befassen sich in letzter Zeit oberflächlich mit dem Laden, aber es ist spannend, sich etwas genauer auf die Beweggründe der Gruppe WEG einzulassen, die hinter dem Laden und anderen tauschlosen Projekten in Wien stehen. Überall da, wo unsoziale oder umweltschädliche Entscheidungen getroffen werden, wird umgehend der "ökonomische Sachzwang" als Rechtfertigung ins Feld geführt. Und so überrascht es wenig, dass jene, die sich dagegen wehren, meistens den Zwangscharakter derartiger Entscheidungen vehement in Frage stellen. Ganz anders Susi Q., Mitgründerin von WEG: "Das Problem ist, dass sich gesellschaftliche Strukturen nicht einfach wegreden lassen. Gerade die Einsicht in die Existenz von Sachzwängen, die andauernd so zerstörerisches Verhalten hervorrufen, ist für uns der Ausgangspunkt des Handelns und macht ein radikales Umdenken notwendig." "Sachzwang" bedeutet für sie nicht, dass Entscheidungen eins zu eins vorbestimmt sind. Gemeint ist vielmehr Druck, der sich dadurch ergibt, in einer Konkurrenzsituation Geld verdienen zu müssen. Wichtige Konkurrenzvorteile ergeben sich in diesem System dabei, wenn man Menschen, Umwelt oder auch sich selbst intensiver und billiger auspumpt. Darin und nicht in der bösartigen Natur der Menschen sieht die Gruppe auch die Hauptursache für den ständigen Abbau von Arbeitsstandards, Löhnen, Umweltschutz etc. Widerstand kann diesen Sachzwängen zwar entgegenwirken und auch Verbesserungen erreichen, aber angesichts der Intensität und vor allem der Dauerhaftigkeit des Konkurrenzdrucks bleiben derartige gesellschaftliche Errungenschaften qualitativ und zeitlich begrenzt. "Zumindest solange die Ursachen des ökonomischen Drucks nicht beseitigt werden, was einer Überwindung des Kapitalismus entspräche. Das ist zwar keine leichte Aufgabe; aber wir können es uns nicht aussuchen, wenn wir ernsthaft etwas verändern wollen", räumt Susi Q. mit allen Illusionen auf.

Arbeit als Selbstzweck

Auch zur Arbeit hat die Gruppe WEG einen ungewöhnlichen Zugang. Ihn ihr sehen sie nichts Gutes und Würdevolles, sondern eines der "größten Übel unserer Gesellschaft". Das es überlebensnotwendige und auch gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten gibt, bezweifelt dabei niemand. Kritisiert wird vielmehr, dass hier aus einer Notwendigkeit eine Tugend gemacht wird. "Arbeitsplätze schaffen um jeden Preis", verlangt heutzutage so gut wie jeder. Extremster Auswuchs davon ist das AMS. Eigentlich sollte das gesellschaftliche Ziel jedoch sein, das Ausmaß notwendiger Arbeit zu reduzieren und Zeit für Muße, lustvolle Tätigkeiten, Kreativität, Weiterentwicklung etc. zu schaffen. Das dem nicht so ist, erklärt sich die Gruppe WEG aber nicht einfach nur mit geistigen Irrwegen oder übler Propaganda. Auch hier werden die strukturellen Sachzwänge unter die Lupe genommen. Im Kapitalismus muss Geld so investiert werden, dass daraus mehr Geld wird, denn wer kann sich schon Schulden als Geschäftsziel leisten. Der Ursprung des Geldwerts ist die Arbeit im Produktionsprozess und nicht die Spekulation, wie oft gemeint wird. Diese ermöglicht lediglich kurzfristig einen Vorgriff auf eventuell produzierte Geldwerte in der Zukunft. Geld zu machen erzeugt somit die Eigendynamik, immer mehr Arbeit zu schaffen. "Extrem viele Arbeiten sind alles andere als notwendig, geschweige denn sinnvoll. Die gigantische Werbebranche zum Beispiel. Da wird im Erfinden von Lügen gewetteifert und Kreativität in unglaublichen Ausmaß vergeudet. Oder auch ein Großteil des Transportwesen, der Produkte quer über den Globus verfrachtet, weil sie wo anders billiger hergestellt werden, obwohl sie genauso gut lokal produziert werden könnten. Das immense Arbeitsausmaß wäre ja noch egal, wäre die durch Konkurrenz getriebene Arbeit nicht meist auch noch unerträglich und zerstörerisch für Mensch und Natur. Wir arbeiten nicht um zu uberleben, wie es fürs Erste scheint, sondern leben um zu arbeiten", fasst Susi pointiert zusammen. "Die Gesellschaft gehört eigentlich von Grund auf neu organisiert: arbeitsteilig, kooperativ und tauschlos. Das Problem dabei ist, dass sich die meisten Menschen nicht mehr vorstellen können als das, was sie schon kennen. Kost-Nix-Projekte geben der Vorstellungskraft da hoffentlich einen Schubs."

Kost-Nix dehnt sich aus

Nicht nur in Wien tut sich etwas in diese Richtung. Unter Namen wie "Umsonstladen" in Deutschland, "Free Shop" in England, "Weggeefwinkel" in Holland etc. gibt es in vielen Ländern schon seit langem Kost-Nix-Läden. In Österreich beginnt sich die Idee nun auch merkbar zu verbreitern. Neben dem Wiener Kost-Nix-Laden und dem Gratis-Bazar gibt es in Innsbruck seit Juni einen Kost-Nix-Laden, und in Graz gibt es intensive Versuche einen zu eröffnen. Der Innsbrucker Laden ist zwar nicht ganz so groß; knappe 30 Quadratmeter; dafür ist er jedoch nahe der dicht bevölkerten Altstadtbrücke extrem gut gelegen. Von Anbeginn an hat sich der Laden daher reger Nutzung erfreut. Außergewöhnlich sind auch die Öffnungszeiten. Ganze 40 Stunden hat der Laden pro Woche offen und am Wochenende gibt es immer wieder kostenlose Kasperl-Theater Aufführungen für Kinder. Die Grazer Gruppe sucht schon seit längerem erfolglos nach dauerhaften Räumlichkeiten. Wahrscheinlich stellt das Kost-Nix-Konzept auch nicht unbedingt das beste Finanzierungsmodell für das Mieten von Geschäftsräumen dar. Über den Sommer hat sich zumindest die Möglichkeit geboten, die Veranstaltungsräume des "Sub" drei Monate zu nützen, welche in der Zeit ansonsten ungenützt gewesen wären. Einziger Hoffnungsschimmer für eine langfristige Lösung sind derzeit die Besetzungsversuche, die Graz vor kurzem in Aufruhr versetzt haben. Würde die Stadt ein Haus abtreten, könnte der Laden dort einziehen. Die Begeisterung in Wien ist groß: "Ganz generell müssten eigentlich viel mehr Häuser besetzt und Ressourcen angeeignet werden. Kaufen geht logischerweise nicht, wenn man alles anders machen und bewusst nichts verdienen will. Nur durch Aneignung und Neuorganisation könnte eine andere Welt kreiert werden, die auf Kooperation, Solidarität und Gemeinschaft und nicht auf Geld, Konkurrenz und Individualisierung basiert."