Alles minus 100 Prozent (Kurier Print-Ausgabe)

Kost-nix. Heißt der Laden. Und doch kostet er was: Einige Überwindung, um ihn zu betreten. Ein Kleiderständer mit zwei Sakkos und einer Winterjacke auf dem Trottoir markiert den Zutritt zu einer aufgelassenen Fabrik in der Zentagasse 26 in Wien 5. Die Eingangstür, die mit tiefschwarzen Anarcho-Informationen zugepflastert ist, muss – in Ermangelung einer Türschnalle – aufgedrückt werden. Und über das Chaos im Vorraum wäre es vielleicht besser, den Wintermantel des Schweigens zu hüllen.

Und dann steht man mitten drin – im ersten Kost-Nix-Laden Österreichs. Ein junger Mann mit einer Frisur, die reflexartig an hitzige Ramm-Ramm-Konzerte im Flex und nicht an Hietzing oder Oberdöbling erinnert, lässt gerade Haare. Weil: Haareschneiden kostet hier ebenso nix wie alle Habseligkeiten in den Regalen und Körben bzw. in den Bananen- und Schuhschachteln. Hinten im Eck versucht ein Ofen, dem wohnzimmergroßen Laden Wärme einzuhauchen.

Kein Tauschhandel

Freundlich erklärt Arno Uhl, der jeden Donnerstag den Kost-nix-Laden hütet, einem "Normalo" die etwas andere Geschäftsidee: "Die Leute können bringen, was sie nicht mehr brauchen, und sie können nehmen, was sie brauchen. Aber nur maximal drei Stück." Anders als in einer Tauschzentrale sei "nur nehmen" auch okay . Und im Gegensatz zu einem Caritas-Lager verstünde man sich hier nicht als Almosen-Geber, sondern viel mehr als Vermittler kostenloser Freundschaftsdienste.

Kritik am Kapital

"Das hier ist angewandte Kapitalismus-Kritik", erklärt der 23-Jährige, der bis auf Weiteres in einem Call-Center sein Geld verdient (weil von irgendetwas muss ja auch der Kapitalismuskritiker leben). Die Idee des Gratis-Ladens bzw. Freeshops ist an sich nicht neu: Jede größere Stadt im Nordwesten Europas, die ein bisschen den Anspruch erhebt, eine Metropole zu sein, gibt ihren "reichlich vorhandenen Überfluss" (Uhl) an jene weiter, die gerade nicht im Überfluss leben.

Der Überfluss in Wien muss in der Tat gewaltig sein. Und so lächelt Uhl gelegentlich über die höflich gestellte Frage, was denn für den Pelzmantel oder auch für das Paar Designer-Highheels zu berappen wäre. Gut bestückt ist der Laden mit Büchern. Wer eine Gratis-Kaffeemaschine oder einen ebensolchen Personalcomputer sucht, sollte hier fündig werden. Und die Mode im Laden? Ja, die Mode. Darüber gehen die Urteile bekanntlich immer ein wenig auseinander. Ein Faktum ist: Nicht zu den Stärken der "Wertkritischen Emanzipatorischen Gegenbewegung", so nennen sich die jungen Ladenhüter, zählt so ein bourgeoises Thema wie das der Hygiene. Und so pickt es auf einigen Präsentier-Tischen mehr oder weniger. Doch was schert’s die Gegenbewegten?

Fehlendes Kapital

Stolz sagt Arno Uhl indes, dass man sich keinen Krempel andrehen ließe: "Natürlich ist unser alter Lagerraum abgefuckt. Dennoch nehmen wir nur Dinge, die tipptopp sind." Gerne würden die jungen Leute in einen größeren, helleren, sauberen Laden umziehen. Doch dafür fehlt dummerweise noch das notwendige Kapital.

 


Kostnix-Laden im Kurier

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