Gründet Kostnixläden! (Maria Hintersteiner, Andreas Exner, W.E.G.)

Drohen deine Schuhkasteln aus den Angeln zu springen, weil du dich von deinen alten Schuhen nicht trennen kannst? Die Stiefel waren dir eigentlich zu eng und mit den Sandalen hast du dich sowieso nie wohlgefühlt; anziehen magst du sie nicht mehr, aber zum Wegwerfen sind sie doch noch viel zu gut? Sind deine Kleiderschränke schon zum Bersten voll? Voriges Jahr hattest du deine blaue Phase, jetzt bist du ihr entwachsen, stehst da und siehst den Berg von T-Shirts, Hosen und Röcken mit Wehmut an. Vor kurzem noch hast du alles gern getragen, und jetzt hast du überhaupt keine Verwendung mehr dafür. Warum nicht einfach herschenken? Die Sachen sehen noch recht gut aus, und es könnte sich leicht jemand finden, der heuer ein Faible für Blau hat. Aber du kennst leider niemanden in deinem Bekanntenkreis, der dafür in Frage käme. Natürlich könntest du auch das ganze Paket kurzerhand zum Flohmarkt bringen oder in einem Second-Hand-Shop deponieren, wo es dann Stück für Stück sortiert und abermals verkauft wird; und wenn es etwas länger Haltbares ist, vielleicht auch noch ein drittes Mal.

Aber muss denn wirklich jedesmal Geld im Spiel sein, wenn man irgendetwas Brauchbares, ein Top, einen Kleiderschrank, einen PC weitergeben möchte? Und darf ein Bedürfnis nur dann geltend gemacht werden, wenn dafür Bares auf den Tisch gelegt wird? Legt nicht allein der Umstand, dass jemand meine Sachen zu schätzen weiß und ihrer auch bedarf, das Schenken nahe?

Ein Kostnixladen führt zwei Gruppen von InteressentInnen zusammen. Diejenigen, die ihre Gegenstände gerne jemand anderem verehren möchten und jene, die nicht alles, was sie brauchen, immer neu kaufen wollen; teils wegen der kurzen Zeitspanne, für die man z.B. ein bestimmtes Werkzeug tatsächlich benutzt, teils, weil derlei Dinge ohnehin zuhauf in zahllosen privaten Kisten, Kellern und Abstellkammern vorhanden sind und sehnlichst darauf warten, aus ihrem Dornröschenschlaf geholt zu werden, um wieder verwendet, sprich: in den Kostnixladen gebracht zu werden.

Gratis-Ökonomie: Ohne Geld und Tausch

Ein Kostnixladen funktioniert nach dem Prinzip der Gratis-Ökonomie: In seinen Regalen und Kästen liegen allerlei nützliche Dinge, die dem Laden von freundlichen Personen unentgeltlich überlassen werden. Wer davon etwas braucht, nimmt es sich. Dafür muss man weder bezahlen noch sonst irgendeine Gegenleistung erbringen. Allerdings wird dem möglichen Missbrauch durch Schnäppchenjäger, die sich hier günstig für ihren kommerziellen Laden oder Flohmarktstand eindecken wollen, ein Riegel vorgeschoben. Deshalb gilt in vielen Kostnixläden die „3-Teile-Regel“: Bei jedem Besuch können bis zu 3 Gegenstände mitgenommen werden. Sollte jemand täglich vorbeikommen und immer nur nehmen wollen, wird diese Person darauf angesprochen, ob sie nicht auch selbst etwas beitragen möchte. Im Kostnixladen werden keine „Leistungen“ verrechnet und es wird auch nicht getauscht. Sein Herz ist vielmehr die wechselseitige Unterstützung, die gemeinschaftliche Kooperation. Diese Art der Kooperation verträgt kommerziellen Missbrauch nicht.

Ein wichtiger Punkt: Es gibt im Rahmen eines Kostnixladens keine Selektion oder Zuteilung nach sozialer Bedürftigkeit. Der Laden wird integrativ geführt, d.h. er ist keine Abstellnische für Randgruppen, sondern lebt aus dem Prinzip heraus, dass die Gemeinschaft von allen ihren Mitgliedern getragen wird. Er ist somit ein sozialer Treffpunkt für Menschen, die sich wechselseitig helfen, sei es durch Gebrauchsgüter oder Dienstleistungen, durch Lebenserfahrung oder gute Laune. Ja, natürlich können im Rahmen eines Kostnixladens auch Hilfsdienste oder Know-how zur Verfügung gestellt werden, in der Art von: „Ich helf dir, dein Bad zu verfließen etc…“; oder auch: „Vielleicht machen wir gleich miteinander etwas“.

Es versteht sich von selbst, dass jede Art von Dienstleistung in einer Gratis-Ökonomie freiwillig erfolgt, denn sie beruht auf guten wechselseitigen Beziehungen und gemeinschaftlichem Denken. Unter diesen Voraussetzungen können Kostnixläden die Kommerzialisierung der menschlichen Beziehungen und das Konkurrenzdenken überwinden helfen und Schrittmacher hin zu einem ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltigen Miteinander sein.

* Der erste Kostnixladen (in Deutschland Umsonstladen genannt) wurde 1998 in Hamburg gegründet. Innerhalb von 5 Jahren haben sich in Deutschland über 20 weitere Umsonstläden gebildet, die sich regen Zulaufs erfreuen und zum Teil über ein nicht mehr bewältigbares Angebot „klagen“.In Österreich besteht derzeit noch keine solche Einrichtung, obwohl es an der Zeit wäre.


Ein abgewandelter Artikel erschien in: SOL Nr. 119, März 2005

>> SOL Nr. 119 online (PDF, Seite 5)

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