Es ist nicht verboten zu schenken (Christa Neubauer, Augustin)

Mehrere NeubauerInnen hatten die Idee, einen Kostnixladen ins Leben zu rufen, der von einem Team gemeinsam mit Nutzern und Nutzerinnen betrieben werden soll. Die agenda wien sieben bot am 6. Oktober 2004 die Möglichkeit, sich bei einem Treffen genauer darüber zu informieren und eigene Ideen einzubringen. Den philosophischen Unterbau lieferte wenige Tage später der AGEMUS-Vortrag „Auswege aus der Krise“ von Alfred Morhammer.

„Ich war immer schon ein Ressourcen sparender Mensch, ich weiß auch nicht, warum“, antwortet Heinz Blaha, Mitglied bei W.E.G., auf die Frage nach seinem Zugang zum Kostnix-Laden. Er und seine MitstreiterInnen der Wertkritischen Emanzipatorischen Gegenbewegung trafen einander beim Austrian Social Forum und diskutierten den Grundgedanken des allgemeinen Zeit- und Güterwohlstands, und über Möglichkeiten einer Aufweichung des sinnentleerten Konsumverhaltens, des Hortens von Besitz und der Wegwerfmentalität.

Gemeinsam entwickelten sie einen virtuellen Ressourcenpool (Angebot kostenloser Waren und Dienstleistungen im Internet, zu finden unter www.geldlos.at) und die WEGzehrung: alle zwei Wochen wird in Döbling gemeinsam gekocht und gegessen, aber nichts bezahlt.

Jetzt arbeitet die W.E.G. an der Eröffnung eines Kostnixladens nach dem Vorbild der deutschen Umsonstläden. Der Kostnixladen ist ein Raum für die kostenlose Lagerung und Verteilung von brauchbaren Gütern. Im Tauschgeschäft sieht die W.E.G. die Illusion einer Trennung der Menschen: "Ich bin von dir isoliert. Was wir gemeinsam produzieren, gehört uns nicht. Ich kaufe meine Lebensmittel. Ich verkaufe dir meine Lebenszeit. Auge um Auge, Ware gegen Ware - wer nicht kaufen und verkaufen kann, muss sterben." Diese Illusion soll aufgehoben werden durch die Förderung des freien Flusses von Geben und von Nehmen.

Der erste Kostnixladen Österreichs soll, mit Unterstützung der agenda wien sieben, in Wien-Neubau entstehen. Er soll genau das halten, was sein Name verspricht: Menschen sollen kommen und aus dem Warenangebot nach ihren Bedürfnissen Dinge auswählen. Diese können sie mitnehmen, ohne etwas bezahlen zu müssen.

An dieser Stelle der Projektpräsentation im Oktober erhebt sich Gemurmel unter den Zuhörern. Woher kommen die Waren? Wer stellt den Ladenraum zur Verfügung? Geht das ohne Gewerbeberechtigung? Darf jeder soviel nehmen, wie er oder sie will? Wie will man Missbrauch vorbeugen, will heißen, wie soll verhindert werden, dass der Laden ausgeräumt wird und die Güter beim nächsten Flohmarkt verscherbelt werden?

Antworten gibt es noch nicht auf alle Fragen. Auf Menschen, die Dinge zur Verfügung stellen, die sie nicht mehr benötigen, hofft man. Dass es laut Gesetz nicht verboten ist, Sachen zu verschenken, gilt als bewiesen. Und bei der Schenkungssteuer ist eine Wertuntergrenze vorgesehen. Eventuellem Missbrauch will man mit der Drei-Teile-Regel begegnen: bei jedem Besuch des Kostnix-Ladens darf der Besucher nicht mehr als drei Gegenstände auswählen, die er mitnehmen kann.

Offen bleibt das Raumproblem. Bevorzugt würde ein leer stehendes Geschäftslokal, das mietfrei zur Verfügung gestellt wird, so dass nur Betriebs- und Instandhaltungskosten anfallen. Die finanziellen Mittel dafür, ist man zuversichtlich, werden im Rahmen eines noch zu gründenden Trägervereins durch Mitgliedsbeiträge und Spenden aufgebracht werden können. Damit soll sich der Kostnixladen selbst tragen. Lediglich für den Start wäre eine „Finanzspritze“ wünschenswert. Die Initiatoren haben bereits mit allen Parteien im Bezirk Kontakt aufgenommen und sich Wohlwollen und prinzipielle Unterstützung gesichert. Jetzt geht es darum, die Idee bekannt zu machen und um breitere Unterstützung zu werben.

Im Vordergrund steht beim Kostnixladen jedenfalls der Nachbarschaftsgedanke. Mittel- bis langfristig soll sich ein Nachbarschaftszentrum der solidarischen Selbsthilfe entwickeln. Vorstellbar sind offene Werkstätten, selbstbestimmtes Lernen oder ein Garten- und Kochbetrieb. „In einen Kostnixladen geht man nicht wie ins Kaufhaus“, so Heinz Blaha. „Wenn ich da reingehe, komme ich automatisch in Kontakt, auch mit der Idee.“ Die Idee ist: Kooperation; die Ziele heißen: Synergie von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, Forcierung der nachhaltigen, lokalen Versorgungsökonomie und nachhaltiger Bewusstseins- und Wertewandel.

In diese Kerbe schlägt Alfred Morhammer mit seinem Vorschlag für einen „Ausweg aus der Krise“. Wie die W.E.G. sieht er eine große Gefahr im Tausch. „Tausch soll aus einer Fülle heraus entstehen und ein Abgeben von Überschuss sein – der übrigens durchaus zu einer Last werden kann. Wenn Tausch aber in einer Mangelsituation „erpresst“ wird, werden Menschen ins Tauschgeschäft gezwungen. Auf Kosten der Schwächeren wird erreicht, dass sonst nicht verfügbare Dinge verfügbar werden. Zum Beispiel Arbeitszeit, also Lebenszeit. Die schlimmste Form des Tausches ist damit die Sklaverei.“

„Belieferungsbedürftige Mängelwesen“ nennt Marianne Gronemeyer den modernen Menschen, der ohne nachzudenken seiner Erwerbsarbeit nachgeht, aber nicht in der Lage ist, seine Grundbedürfnisse selbst zu decken – längst sind die dafür benötigten Fähigkeiten verloren gegangen. Der Markt, auf dem alles eingetauscht werden kann, wiegt in – scheinbarer – Sicherheit. Denn ohne Tauschmittel ist der Mensch von allen verfügbaren Leistungen abgeschnitten.

Wenn wir kooperieren anstatt zu konkurrieren, ist genug für alle da. Aus dem weltweit angebauten Getreide können für jeden Erdbewohner 3000 kcal Energie pro Tag produziert werden. Dass ein großer Teil davon für die Futtermittelproduktion benötigt wird, damit die Bürger der entwickelten Länder ihren Hunger nach Fleisch stillen können, steht auf einem anderen Blatt.

Aber eines wird klar: während auf der einen Seite durch technischen Fortschritt die Produktivität immer mehr steigt (und beispielsweise durch den Preisverfall in der Landwirtschaft Kleinbauern verarmen), kommt es andererseits durch künstliche Verknappung zu einer Mangelsituation. Die eigenen Produkte werden aufgewertet, mehr Bezahlung ist notwendig, der „Preis“ steigt. Wie aber lässt sich über einen Preis die Qualität und damit der tatsächliche Wert vergleichen? Ist ein Rubens-Gemälde tatsächlicher wertvoller als die Möglichkeit, frische Luft zu atmen oder das Leitungswasser trinken zu können?

Wenn es nach Alfred Morhammer geht, ist der selbstauferlegte Zwang zur Arbeit ein Denkfehler. „Arbeiten heißt: Probleme lösen. Wenn ich keine Probleme habe, muss ich auch nicht arbeiten. Wer etwas mit sich anzufangen weiß, braucht niemanden, der ihm anschaffen muss, was er zu tun hat!“

Der Ausweg aus dem Krisenprozess der Tauschgesellschaft ist die Kooperation. Gefragt ist mutiges, kreatives und fantasievolles Handeln. Warum nicht in einem Kostnixladen? Wir haben nichts zu tauschen. Aber wir können sehr viel gemeinsam tun!