Ohne Tausch geht´s auch? (Andreas Exner, W.E.G.)

Seit geraumer Zeit schießen die so genannten Kost-Nix-Läden aus dem Boden. Dort liegen brauchbare Sachen ohne Preis und Gegenwert. Wer will, nimmt, wer möchte, bringt. Sind Kostnixläden das Zeichen für eine Neuorientierung sozialer Experimente oder nur eine hilflose Regung in der neoliberalen Einöde?

Die Idee ist einfach: In einem Raum liegen Gebrauchsgüter, von Kleidung über CDs bis hin zu Möbeln. Alle können sich davon nehmen, was sie wollen. Um kommerziellem Missbrauch vorzubeugen, dürfen allerdings pro Besuch meist nur drei Dinge mitgenommen werden. Dieser Zugang zum Reichtum ist so direkt und handfest, dass es den an Supermarkt, an Zahlenspielerei und Kontokalkulation gewohnten Menschen einmal kräftig vor den Kopf stößt. Geht denn das? Darf das denn sein? Es darf. Und es geht. In Deutschland macht die Idee Furore. Seit 1996 der erste Umsonstladen in Hamburg seine Pforten öffnete, sind über 25 solcher Projekte entstanden.
Die meisten Umsonstläden verfolgen eine gesellschaftspolitische Perspektive, die sich von karitativen Aktivitäten abgrenzt. Konsequent wird daher von einer Bedürftigkeitsprüfung Abstand genommen. Denn zum einen motiviert viele der Aktiven gerade der Wunsch nach einer Änderung der eigenen Lebensverhältnisse, was eine Trennung in Hilfesuchende und Helfende unsinnig macht. Zum anderen grenzen sich die Projekte von der neoliberalen Armutsverwaltung ab, die es ja ganz gerne sieht, wenn ein paar Brösel vom marktwirtschaftlichen Tisch hinunter zu den Armen fallen, um sie damit ruhig zu stellen und davon abzuhalten, sich um den Tisch oder einmal gar um die Küche zu kümmern.

Give and take.

Die Kostnixläden reagieren auf den Widerspruch zwischen dem – zumindest potenziellen – Reichtum an Gebrauchsgütern und der Armut des Gebrauchs. Während tagtäglich Tonnen von genießbaren Lebensmitteln, intakten Hygieneartikeln und allen möglichen anderen Erzeugnissen im Müll landen, weil sich ihr Verkauf nicht rentiert oder das Wegwerfen in einer Gesellschaft des isolierten Konsums schlicht der naheliegende Umgang mit Waren ist, die das Individuum nicht mehr interessieren, darbt eine immer größere Zahl an Menschen. Der "Verkaufsbeziehung", die sich zwischen der Geldbörse und dem Warenuniversum herstellt, setzen die Kostnixläden und Umsonstprojekte einen "freien Fluss von Geben und von Nehmen" entgegen. Diese Orientierung unterscheidet sie von den Tauschkreisen, die – nach dem Bild der Marktwirtschaft – auf Gegenleistung und Verrechnung bestehen.

Kostnix kostet.

Auch in Wien gibt es seit kurzem einen "Gratis-Bazar", im Stadtteilzentrum Bassena im 15. Bezirk. Eine Gruppe namens W.E.G. bemüht sich ebenfalls um eine Räumlichkeit für einen Kostnixladen in Wien. Bis jetzt scheiterte das jedoch an den monetären Zwängen, wie auch ein Spendeninserat der Gruppe formuliert: "Ein Kostnixladen … kostet leider Geld."
Am Widerspruch zwischen einer nicht-marktlichen Verteilung und der marktförmigen Produktion des zu Verteilenden, zwischen dem Ziel von "Reichtum für alle" und dem Zwang, ein Umsonstlokal finanzieren zu müssen, daran stoßen sich auch die Projekte in Deutschland, so sie nicht geradewegs in Konflikt mit der Polizei geraten, wie etwa in Dresden, wo ein besetztes Lokal unlängst geräumt wurde.

Tanz den Widerspruch.

Betrachtet eins die Projekterfahrungen der letzten Jahre, so stellt sich freilich die Frage, inwieweit die Kostnixläden soziale Beziehungen tatsächlich aus dem Marktgetriebe lösen können. Die Ergebnisse sind unterschiedlich: Mancherorts werden die Ausrichtung der Projekte auf eine linke Szene und das Defizit beklagt, unter den Nutzenden einen weitergehenden Zusammenhang herzustellen, als es der bloße Besuch einer "Geschenkzentrale" tut. Dennoch ermutigt die Vielzahl an tragfähigen Kostnixläden, die sich eines regen Besuchs erfreuen und zumindest eine ideelle Perspektive gegen das Diktat der Bezahlung eröffnen können.
Die Idee zieht jedenfalls ihre Kreise, ja sie scheint nachgerade in der Luft zu liegen. Im Internet etwa gibt es eine weltweite Plattform mit dem Namen freecycle, die teilungsfreudige Menschen in aller Welt zusammenführen will. Und selbstverständlich hat auch die Marktwirtschaft schon ihre Chance gewittert. In Deutschland gibt es ein kommerzielles Internet-Projekt, das eine Datenbank zum kostenlosen Verleih und zur Abgabe von Gütern verwaltet.

Andreas Exner studiert Doktorat Biologie in Wien.